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Texte > „Katana“ oder „Auch wenn ich heirate, bleibe ich DDR-Bürgerin“ - erster Teil

„Katana“ oder „Auch wenn ich heirate, bleibe ich DDR-Bürgerin“ - erster Teil

 

Martina und Samer kannten sich vom gemeinsamen Studium in Freiberg. Ein Lehrsaal mit Student*innen der Bergakademie Freiberg 1982. © Deutsche Fotothek / Eugen Nosko

Beim Lesen der Geschichten im Bundesarchiv fühlt man sich zuweilen, als hörte man in der S-Bahn beiläufig eine Geschichte mit. Man kennt die erzählende Person ebenso wenig wie die, von der berichtet wird. Die Geschichte interessiert einen, man stellt sich vor, wie das Leben der Protagonisten aussieht, man versucht, die dunklen Flecken zu füllen, und sucht nach dem Plot. Wie könnte die Geschichte weitergehen? Inwieweit überfrachtet man sie mit eigenen Gedanken? Betreibt man Wunschdenken?

Die Quelle für solche Geschichten sind für mich im Bundesarchiv die Stasi und ihre Zuträger. Sie haben ihre spezielle Sichtweise und Sprache, sie sind überwachungssüchtig und lassen nur ihre Ideologie gelten. Sie sind alles andere als vertrauenswürdig.

Viele Akten behandeln Anträge von DDR-Bürgerinnen, manche von ihnen alleinerziehend, die ausländische Studenten bzw. Stipendiaten heiraten wollen. Meist betreffen die Anträge syrische und, in geringerem Umfang, irakische Männer, mit Abstand folgen andere Nationalitäten. Nicht alle Anträge enden mit Genehmigung oder Ablehnung, manche werden auch ohne Angabe von Gründen zurückgezogen. Vielleicht bekamen die Antragstellerinnen während der Entscheidung über ihre Anträge Angst. In einigen Fällen ist der Antrag mit dem Wunsch verknüpft, ins Land des künftigen Ehemanns umzusiedeln, was einer Art legaler Flucht aus der DDR gleichgekommen wäre.

Da saß also jemand in einem Büro und beauftragte jemand anderen damit, Informationen über zwei Personen zu sammeln, die er nicht kannte. Es wurde über ihr Privatleben recherchiert, es wurden Berichte eingereicht und Entscheidungen getroffen, die für die Betroffenen lebensentscheidend waren, für die aber nicht ausschlaggebend war, was die Betroffenen sich wünschten, sondern allein die Einschätzung eines Vertreters der Staatsideologie. Nicht alle Fälle endeten mit Genehmigung oder Ablehnung, so dass ich manche weiterverfolgte. Im zweiten Teil mehr dazu.

Hinweis zum Folgenden: Kursiv gesetzte Textteile stellen Schlussfolgerungen und Einwürfe der Autorin dar, die sich so nicht in den Akten finden. 

 

Akte MfS–ZKG Nr. 22701

Die Akte enthält Zettel, Korrespondenzen und Berichte aus dem Jahr 1981. Der Hauptbericht ist auf den 24.3.1981 datiert.

Die von mir Martina genannte Frau ist in Berlin geboren und lebte im Bezirk Köpenick. Sie hatte ein Ingenieursdiplom und arbeitete als Wirtschafts- und Finanzexpertin im VEB Zentraler Ingenieurbetrieb für Metallurgie in der Ostberliner Karl-Liebknecht-Straße. Sie war zudem bis zum 24.10.1980 „Geheimnisträger – VVS“, mithin Zuträgerin der Stasi.

Sie beantragte die Eheschließung mit einem Syrer, den ich hier Samer nenne. Dieser war als Ingenieur in der Erdölraffinerie von Homs tätig.

Dem Bericht nach arbeitete Martina seit 1972 im genannten Betrieb. Sie war zum Studium in die Bergakademie Freiberg entsandt worden. Ihr Diplom schloss sie mit „sehr gut“ ab. Ihre Tätigkeit als Zuträgerin für die Stasi endete mit Bekanntwerden ihrer Beziehung zu Samer; sie wurde „als Geheimnisträger entpflichtet“, und als „Finanzökonomin“ wurde ihr nun eine andere Arbeit als die bisherige zugewiesen.

Martina war laut Bericht vorsichtig und verschlossen. Man wusste nicht viel über sie, aber sie erledigte ihre Arbeit gewissenhaft und war hilfsbereit. Allerdings beteiligte sie sich wenig an Unterhaltungen und Diskussionen mit Kollegen. Auch mit den Nachbarn im Wohnumfeld pflegte sie nur die nötigsten Kontakte, weswegen nicht bekannt war, wie sie ihre Freizeit verbrachte.

Martina und Samer kannten sich vom gemeinsamen Studium in Freiberg. Samer musste nach Ablauf seines Stipendiums 1979 nach Syrien zurückkehren. Gemäß dem Abkommen entsandte Syrien Studenten damals mit der Auflage ins Ausland, dass sie anschließend ins Land zurückkehrten und dort für mindestens fünf Jahre arbeiteten bzw. unterrichteten. 1979, im Jahr von Samers Rückkehr, beschlossen beide zu heiraten. Am 3.2.1981 stellten sie im Rathaus Köpenick einen Antrag auf gemeinsamen Umzug nach Syrien. Der Bericht erwähnt auch, dass der junge Syrer sich seinem Land verpflichtet fühle.

Man informierte sich in Martinas Wohnhaus über die beiden. Ihre Beziehung war in der Nachbarschaft bekannt, aber Samer hatte Martina in den vergangenen Jahren nur noch „sehr selten“ besucht, wohl weil er mittlerweile wieder in Syrien wohnte. Beide wurden als ruhig beschrieben, man hatte keine Kenntnis von irgendwelchen Problemen. Martina ging ihrer geregelten Arbeit nach und bot keinen Anlass zu Klagen.

Nach Einsichtnahme in die dem Eheschließungsantrag beigefügten Unterlagen und im Hinblick auf Martinas Situation empfiehlt der Stasi-Autor die Ablehnung des Antrags auf Heirat und Ausreise: „aus Sicherheitsgründen“ im Zusammenhang mit Martinas Funktionen als ehemalige Informantin und als Expertin für Metallurgie.

Auf dem letzten an den Bezirk Köpenick adressierten Zettel wird ihr Antrag abgelehnt.

So weit die verfügbaren Informationen zu Martina und Samer.

Wie nahmen die beiden die Nachricht auf? Endete ihre Geschichte damit? Blieb Samer in Syrien und arbeitete Martina weiter in Ostberlin? Und was waren überhaupt Martinas Motive? Wollte sie zu ihm ausreisen, um ihrem Leben in der DDR zu entfliehen? Beruhte ihre Arbeit als Informantin auf der Überzeugung, dass sie den Staat vor „Saboteuren“ schützen musste? Oder wollte sie damit eine Beförderung auf ihrer Arbeitsstelle erreichen? Vielleicht hatte sie Angst abzulehnen, als man ihr die Informantentätigkeit anbot. Und wie mag sie emotional auf die Ablehnung ihres Antrags reagiert haben? War sie erleichtert, dass sie versetzt worden war? War sie verbittert darüber, dass ihre Beziehung mit „einem Syrer“ ihre Karriere beschädigt hatte? Fürchtete sie Konsequenzen, weil sie als Informantin tätig gewesen war? Viele Fragen bleiben bei dieser Geschichte offen, in der ein Staatsbeamter der DDR der Ansicht war, aus „Sicherheitsgründen“ müsse er über das Schicksal von zwei Personen über deren Köpfe hinweg negativ bescheiden.

Ich bat die für mich zuständige Archivmitarbeiterin, mir Akten zur Verfügung zu stellen, in denen sich weitere Informationen zum genannten Antrag finden könnten. Ich musste warten, denn solche Recherchen sind zeitaufwendig und sie führen nicht notwendigerweise zu einem Ergebnis. Während der Wartezeit versuchte ich mir die Geschichte der beiden weiter auszumalen, stöberte aber zugleich weitere Geschichten auf.

 

Dima Albitar Kalaji

wurde 1982 in Damaskus geboren, lebt seit 2013 in Berlin. In Damaskus studierte sie Kunst und Medien. Die Autorin veröffentlicht Essays und Texte in verschiedenen Magazinen und Zeitungen mit Fokus auf gesellschaftspolitische Zusammenhänge, darunter Zeit Online und Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung. Bei WIR MACHEN DAS ist Dima Albitar Kalaji seit 2017 als Autorin, Kuratorin und Lektorin für das Projekt „Weiter Schreiben“ tätig. Für die gemeinnützige Organisation initiierte sie als Künstlerische Leiterin zudem die Projekte „Mapping Berlin / Damaskus“, „Geruch der Diktatur“ und zuletzt „Lebendiges Archiv – Vom Umgang mit Diktatur“. Sie hat die Podcasts „Syrmania“ für Deutschlandfunk Kultur und „(W)Ortwechseln“ in Kooperation mit rbbKultur produziert. Bei Sukultur erschien 2022 ihr Briefwechsel mit Ramy Al-Asheq unter dem Titel „Weniger als ein Kilometer“.

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